Völker Südäthiopiens – Die Kwegu
Vom Aussterben bedroht: die Kwegu
Im Dorf Kuchur und einigen Siedlungen am Westufer des Omo-Flusses
im Südwesten Äthiopiens leben die Kwegu, ein kleines, vom
Aussterben bedrohtes Volk.
Nach übereinstimmenden Quellen hat sich die Zahl der lebenden
Kwegu zwischen 1982 und 1998 rapide verringert. 1982 lebten noch
zwischen 500 und 1000 Kwegu, während ihre Anzahl 1998 bereits auf
unter 200 gesunken war. Wie viele Personen heute noch zu den Kwegu
gehören, ist nicht dokumentiert.
Intelligente Nutzung natürlicher Ressourcen
Die Lebensgrundlage der Kwegu im Omo Valley Tal resultiert vor
allem aus der Anpassung an den lebhaft strömenden Fluss Omo und
seiner optimalen Nutzung. Letztere erschöpft sich nicht im
Fischfang, obwohl dieser eine Hauptnahrungsquelle der Kwegu
darstellt und ebenfalls nicht im Bau von Kanus, einer
handwerklichen Kunstfertigkeit dieses Volkes. Sondern die Kwegu
bieten Fährfahrten über den Omo an, der aufgrund seiner Strömung
und vor allem wegen seines hohen Aufkommens an gefräßigen
Krokodilen nicht ohne Hilfsmittel zu überqueren ist.
Kultur gegenseitigen Gebens und Nehmens
Folgende „Symbiose“ prägt die Sozialstruktur der Kwegu in
Beziehung mit ihrem Umfeld entscheidend: Ein männlicher Kwegu
bedient mit seinen Fährdiensten einen ganz bestimmten
„Arbeitgeber“, den er aus den in der Nähe lebenden Völkern der
Mursi oder der Bodi ausgesucht hat. Diesem bietet er außer
Fährfahrten weitere Serviceleistungen an wie die Versorgung mit
Fleisch, Elfenbein und Leder, also Produkten aus der Jagd.
Im Gegenzug steht der Kwegumann im Falle einer Bedrohung unter dem
Schutz seines „Herrn“ und bekommt von ihm, wenn er heiraten will,
eine Mitgift in Form eines kleinen Viehbestands. Die Kwegu selbst
züchten kein Vieh, sondern sind Jäger. Ohne den Besitz von Vieh
aber kann der junge Mann nicht bei ihrer Familie um die Braut
werben, Vieh stellt die Grundbedingung einer Heirat dar.
Eine weitere Verbindung ergibt sich daraus, dass die Männer der
Mursi und Bodi Frauen aus dem Volk der Kwegu heiraten.
Forschungsdiskurs
Das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem
„Schutzherrn“ und dem „Fährmann“ ist also auf beiden Seiten
existenziell. Anthropologen sprechen daher von einer symbiotischen
Verbindung. Ein Diskurs wird um eine etwaige Dominanz der Mursi
über die Kwegu geführt, die jedoch aufgrund der grundlegenden
Abhängigkeit der Mursi und Bodi von den lebenswichtigen
Serviceleistungen der geschickten Kwegu fraglich erscheint.
Weitere Aktivitäten entfalten die Kwegu durch das Sammeln von
Honig. Zur Nahrungsbeschaffung bauen sie in der Trockenzeit auch
Durrha, ein hirseartiges Getreide, an den Ufern des Omo an.
Verwandtschaft der Traditionen
Besonders expressiv wirken Körperbemalungen, Haartrachten und
Schmuck der Kwegu, die sie ähnlich denen der Hamar, einem größeren
Volk in der Omoregion, kunstvoll mit Hilfe von Naturmaterialien
und -erzeugnissen ausgestalten.
Das Kwego, die Sprache des gleichnamigen Volkes, stellt einen der
zahlreichen Dialekte des Nilo-Saharan dar. Kwego selbst gliedert
sich in die Unterdialekte Muguji und Yidinich. Die Dialekte weisen
unterschiedlich große lexikalische Übereinstimmungen auf und die
Kwegu beherrschen häufig das Bodi als Zweitsprache, wenn sie in
Nachbarschaft mit einem Dorf der Mursi oder mit dem Volk der Me'en
leben. Die Jüngeren beherrschen heute oft nur noch ausschließlich
Bodi oder Mursi, je nach ihrem Lebensumfeld.
Trotz vieler Ähnlichkeiten mit den Traditionen benachbarter
Kulturen definieren sich die Kwegu als ein eigenes Volk.
Nachtrag
Die Quellen über die Kwegu verwenden teilweise unterschiedliche
Namen für die gleichen Kulturen bzw. kategorisieren die kleinen
Völker unterschiedlich oder geben abweichende Orte an. Diese
Abweichungen deuten auf weiteren Forschungsbedarf hin und lassen
vermuten, dass die Forschungsberichte noch nicht immer zu einem
Konsens gelangt sind.